Wabi-Sabi: Was ist das & wie nutzt du es in der Kunst?
(WABI SABI)
Stell dir vor, du hältst eine Schale in der Hand. Sie ist nicht perfekt rund, die Glasur ist ungleichmäßig und am Rand prangt ein kleiner Riss.
In ihrem Erscheinungsbild scheint sie „defekt“, Doch in der japanischen Philosophie des Wabi-Sabi ist genau dieser Zustand das Ziel.
Was ist Wabi Sabi?
Wabi-Sabi ist weit mehr als eine reine Deko-Idee oder ein minimalistischer Stil.
Es ist eine jahrhundertealte Weltanschauung, die tief in der Lehre des Zen-Buddhismus verwurzelt ist und uns lehrt, die drei grundlegenden Tatsachen des Daseins zu akzeptieren:
Dass nichts bleibt, nichts abgeschlossen ist und nichts perfekt ist.
Sie lehrt uns nicht nur, Schönheit im Unvollkommenen und Vergänglichen zu finden, sondern diese Schönheit als ein Resultat unserer Lebenshaltung zu begreifen.
Man kann sich Wabi und Sabi wie zwei Seiten einer einzigen Münze vorstellen. Sie gehören untrennbar zusammen. Es ist die Verbindung aus einer inneren Einstellung (Wabi) und einem äußeren Erscheinungsbild (Sabi), wobei das eine aus dem anderen hervorgeht.
Wabi (Die innere Haltung): Der Begriff Wabi stammt von wabishi, was Armut, Einsamkeit oder Elend bedeutet. Wabi bedeutet, Gefühle wie Leere, Traurigkeit oder Scham nicht zu verdrängen, sondern sie bewusst wahrzunehmen und mutig anzunehmen. Es geht um die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit.
Wer diese Wahrheit akzeptiert und bewusst entscheidet, wie er leben möchte, entwickelt eine unaufgeregte Gelassenheit. Gelassenheit bedeutet hier: Du akzeptierst, dass Dinge (und du selbst) altern, kaputtgehen oder unvollkommen sind.
Diese innere Klarheit ist die Voraussetzung dafür, dass im Außen überhaupt echtes Sabi entstehen kann.
Sabi (Die äußere Erscheinung): Sabi ist die Schönheit, die als Resultat dieses inneren Prozesses erscheint. Sie bezieht sich auf den Charakter, den Dinge oder Wahres Sabi zeigt sich nur bei Menschen oder Objekten, die mit dem inneren Bewusstsein von Wabi altern; Alter allein ist hierbei nur eine Zahl.
Wabi ist die innere Arbeit (das Anerkennen der Vergänglichkeit und der Gefühle). Sabi ist die Reife, die erst durch diese innere Haltung über die Zeit hinweg im Außen sichtbar wird.
Beide Begriffe wurzeln in der Einsamkeit. Aber während Wabi unsere innere Ruhe im Einfachen beschreibt, ist Sabi die stille Würde, die ein Gegenstand durch das Altern und Alleinsein bekommt.
Wabi-Sabi in der Kunst
Oft wird Wabi-Sabi sofort mit einer Palette aus erdigen Tönen, Beige und Grau gleichgesetzt. Wer knallige Farben oder kräftige Kontraste sucht, tut das in der gängigen Interpretation meist vergeblich. Aber hier möchte ich mit einem Mythos aufräumen: Wabi-Sabi ist kein fester Farbkatalog.
Der Fokus auf Naturtöne rührt daher, dass diese Farben Bescheidenheit ausstrahlen und sich nicht laut in den Vordergrund drängen.
Doch Sabi ist keine Farbe, sondern ein Zustand. Ein tiefes Blau oder ein kräftiges Rot, das durch Sonneneinstrahlung verblasst ist.
Wenn man heute auf YouTube oder anderen Plattformen nach Wabi-Sabi-Kunst sucht, sieht man oft abstrakte Werke, die gerade erst entstanden sind und dennoch sofort diesen Stempel tragen. Diese Bilder nutzen Texturen, Risse oder Spachteltechniken, um eine bestimmte Optik zu simulieren.
Doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns fragen: Kann ein Bild, das in zwei Stunden fertiggestellt wurde, überhaupt schon Sabi besitzen? Sabi ist laut Definition die Ansammlung von Zeit und echter Erfahrung.
Menschen verknüpfen mit Wabi Sabi Kunst ein ganz bestimmtes optisches Erscheinungsbild. Für uns Künstler ist es natürlich verlockend, die eigene Kunst verkaufsstark in diese Schublade einzuordnen, da Begriffe wie Minimalismus oder eben Wabi-Sabi klare Bilder im Kopf der Käufer erzeugen.
Das ist auch völlig legitim, denn als Künstler möchte man seine eigene Kunst verständlich und verkaufsstark einordnen. Begriffe helfen uns dabei, eine gemeinsame Sprache mit dem Betrachter zu finden und eine Brücke zu den Menschen zu bauen,die nach Kunst suchen die Ruhe und Natürlichkeit ausstrahlen.
Dennoch ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass dieses „Label“ oft nur die äußere Hülle beschreibt. Während die Verkaufsbezeichnung den Look definiert, beschreibt die Philosophie dahinter den eigentlichen Entstehungsprozess.
LOST GARDEN
Nachdem wir nun die Grundzüge von Wabi Sabi geklärt haben, möchte ich euch meine Serie Lost Garden vorstellen.
In der Serie Lost Garden folge ich einem klaren Prinzip: Ich mache aus alt neu, aber ich lasse es alt aussehen. Das klingt im ersten Moment vielleicht widersprüchlich, ist aber der Kern meines Schaffens.
Meine Inspiration entspringt einer ganz modernen Beobachtung: Ich schaue mir unglaublich gerne Lost Place Touren an. Diese Videos von verlassenen Sanatorien, vergessenen Villen oder überwucherten Fabriken sind für mich die reinste Form von Sabi. Dort sieht man, was passiert, wenn der Mensch geht und die Zeit übernimmt. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich Staub wie ein weicher Filter über Möbel legt oder wie die Natur durch Ritzen im Mauerwerk bricht
In einer Welt, die oft nach Perfektion und ewiger Jugend strebt, möchte ich mit der Serie Lost Garden ganz bewusst einen Gegenpol setzen.
Es geht mir nicht nur um die Ästhetik verfallener Orte oder das Sammeln alter Materialien. Mein Ziel ist es, die Vergänglichkeit der Natur in dieser Serie zum Ausdruck zu bringen und ihr den Raum zu geben, den sie verdient.
Das zeigt sich bei den gepressten Blumen, die ich verwende. Sie sind nicht konserviert, um ewig bunt zu bleiben. Im Gegenteil: Gepresste Blumen, je nach Farbe, verlieren schnell an Farbe und wandeln sich. Sie verblassen und erhalten erst dadurch diesen ganz eigenen Sabi-Charakter. In diesem Prozess zeigt sich die wahre Natur der Dinge: Nichts bleibt, wie es ist.
Die Grundlage für jedes Werk in dieser Serie sind ausschließlich antike Bilderrahmen. Ich verwende keine Neuware, sondern suche gezielt nach Originalen, die bereits Jahrzehnte an Geschichte in sich tragen.
Um diese Rahmen in meine Serie einzubinden, gestalte ich sie ganz bewusst im Shabby Chic Stil um.
Besondere Aufmerksamkeit widme ich dabei der Glasscheibe. Inspiriert von den staubigen Fenstern verfallener Häuser, bearbeite ich das Glas mit Milchglasspray. Ich erschaffe eine Oberfläche, die an gealtertes Glas erinnert und dem Betrachter das Gefühl gibt, durch den Schleier der Zeit auf das Motiv zu blicken.
In diesem Rahmen finden dann die alten Buchseiten und die gepressten Blumen ihren Platz.
Ich simuliere teilweise die Zeichen der Zeit teilweise ganz bewusst. Das entspricht vielleicht nicht zu 100% der Lehre, dass Sabi über Jahrzehnte organisch wachsen muss, aber für mich ist es eine legitime künstlerische Übersetzung.
Impulse für deine eigene Kunst
Zum Abschluss möchte ich dir 3 Impulse mitgeben, wie du selbst die Freiheit von Wabi-Sabi in deine Kunst bringen kannst. Es geht nicht darum, einen Trend zu kopieren, sondern eine neue Sichtweise auf deine eigene Arbeit zu finden.
1. Verstehe die Philosophie dahinter
Der wichtigste erste Schritt ist, dich wirklich mit dem Kern von Wabi-Sabi auseinanderzusetzen. Werde dir bewusst, dass es hier nicht um ein Gestaltungs Handbuch geht. Viele denken bei diesem Begriff sofort an minimalistische, beige Kunstwerke oder perfekt inszenierte Räume. Aber das ist ein Trugschluss.
Wabi-Sabi muss nicht beige sein. Es muss nicht leise sein. Es geht nicht um die Farbe, sondern um die Bedeutung dahinter.
Es ist das Verständnis, dass nichts perfekt ist und nichts ewig währt. Wenn du das verinnerlicht hast, bricht das die starren Regeln auf. Du musst dich nicht an eine bestimmte Farbpalette halten, um „echtes“ Wabi-Sabi zu erschaffen. Wahres Sabi entsteht durch die Ehrlichkeit deines Prozesses und die Akzeptanz der Zeit – egal, ob dein Werk am Ende bunt, dunkel oder eben erdfarben ist.
2. Lass Fehler als Gestaltungselement zu
Mein zweiter Impuls für dich: Gestalte nicht das Perfekte, sondern das Unvollkommene. Trau dich, Fehler im Prozess nicht zu korrigieren, sondern sie als Teil des Werks stehen zu lassen.
In meiner Arbeit mit der Serie Lost Garden ist genau das der Schlüssel. Wenn eine Kante am Rahmen unsauber ist oder die Farben ungleichmäßig verblassen, dann ist das kein Scheitern, sondern ein Charaktermerkmal. Versuche, den Pinselstrich nicht zu glätten. Lass die Risse zu. Am Ende geht es nicht darum, einen Fehler zu beheben, sondern darum, die Schönheit zu erkennen, die erst durch diesen Bruch entstanden ist.
3. Echtheit statt Effekt
Während es beim zweiten Impuls darum ging, eigene „Fehler“ im Prozess zuzulassen, geht es hier um das Material selbst. Verwende Dinge, die bereits eine Geschichte haben. Das können alte Buchseiten sein, wie in meiner Serie „Lost Garden“, oder Fundstücke aus der Natur. Echtheit lässt sich nicht forcieren – sie braucht Zeit. Wenn du Materialien mit Geschichte nutzt, leihst du dir diese Zeit für deine Kunst aus. Du erschaffst dann keinen flüchtigen Effekt, sondern ein Werk mit echter Tiefe.
Abschließende Gedanken:
Ich hoffe, ich konnte dir diese japanische Philosophie näherbringen Denn am Ende ist der Titel meiner Serie Programm: Lassen wir den Garten ruhig ein wenig verloren gehen, damit wir die wahre Schönheit im Unvollkommenen wiederfinden können.
Entdecke meine Kunst
(ORIGINALE KUNSTWERKE & KUNSTDRUCKE)
Einige meiner Kunstwerke findest du in meinem Etsy-Shop oder direkt auf dieser Website. Wenn du dich in meinen unverwechselbaren Stil verliebst, schau gern in meinem Shop vorbei. Ich bin auch gespannt, was du von diesem Artikel hältst – hinterlasse gerne einen Kommentar unten.
Mit Liebe
Jenny
